Vielleicht gibt es diese Gespräche in Ihrer Familie: Jemand fragt nach früher, eine Erinnerung führt zur nächsten, und plötzlich heißt es: „Das müsstest du einmal aufschreiben.“ Sie selbst tragen den Gedanken womöglich schon lange mit sich. Ein Buch über Ihr Leben, das bleibt, wenn Einzelheiten verblassen und niemand mehr nachfragen kann.
Doch vor dem leeren Blatt fühlt sich das eigene Leben anders an als im Gespräch. Wo liegt der Anfang? Was ist wichtig genug für ein Kapitel? Und wie erzählen Sie von Menschen, die Ihnen nahestehen, ohne ihnen etwas zuzuschreiben, das sie anders erlebt haben? Zwischen dem Wunsch nach einem Buch und den ersten zusammenhängenden Seiten stehen viele kleine Entscheidungen.
Sie müssen diese Entscheidungen nicht alle auf einmal treffen. Dieser Beitrag begleitet Sie vom Auswählen Ihrer Geschichte über das Sammeln und Schreiben bis zur fertigen Buchfassung. An einem durchgehenden, ausdrücklich erfundenen Beispiel sehen Sie, wie aus einer Erinnerung ein Kapitel entsteht – und woran Sie beim Überarbeiten erkennen, ob es trägt.
Was soll mein Buch von meinem Leben erzählen?
Die Frage nach dem ersten Satz kommt oft zu früh. Zunächst hilft eine Vorstellung davon, wer Ihr Buch einmal aufschlagen wird. Ihre Tochter kennt andere Zusammenhänge als ein Enkel, der Ihr Elternhaus nie gesehen hat. Ein ehemaliger Kollege braucht weniger Erklärung zu Ihrem Beruf als jemand außerhalb Ihrer Arbeitswelt. Diese Unterschiede beeinflussen, welche Erinnerungen Sie auswählen und was Sie dazu erzählen.
Für den ersten Versuch helfen drei Entscheidungen: Für wen schreibe ich? Welchen Teil meines Lebens möchte ich erzählen? Was sollen meine Leser davon verstehen? Halten Sie Ihre Antworten in einem Satz auf einer Karte fest. Er dient Ihnen beim Auswählen Ihrer Erinnerungen.
So könnte eine Buchidee aussehen – ein erfundenes Beispiel:
„Ich schreibe für meine Enkel darüber, wie ich als junge Frau in einer fremden Stadt Fuß gefasst habe. Sie sollen verstehen, warum mir Unabhängigkeit so wichtig geworden ist.“
Diese Idee ist greifbarer als „Ich schreibe mein ganzes Leben auf“. Sie sagt, welche Zeit im Mittelpunkt steht und weshalb sie erzählt werden soll. Auch eine Kindheit, eine Beziehung oder ein beruflicher Abschnitt kann ein eigenes Buch ergeben. Die übrigen Lebensjahre gehen dadurch nicht verloren. Sie können später weitere Kapitel daraus machen.
Sie müssen weder berühmt sein noch ein ungewöhnliches Leben geführt haben. Was Ihnen alltäglich erscheint, kann für Ihre Kinder oder Enkel eine fremde Welt sein: wie Sie Ihre erste Stelle fanden, welche Regeln zu Hause galten oder weshalb ein bestimmtes Lied immer zum Familienfest gehörte. Entscheidend ist, was Sie verständlich und persönlich erzählen können.
Autobiografie, Erinnerungen oder Roman?
Eine Autobiografie erzählt den eigenen Lebensweg aus der eigenen Perspektive. Memoiren oder persönliche Erinnerungen können einzelne Zeiten und Themen in den Mittelpunkt stellen. Für Ihr privates Buch müssen Sie diese Begriffe nicht streng auseinanderhalten. Wichtiger ist eine klare Erwartung: Erzählen Sie Erlebtes, soweit Sie sich daran erinnern, oder erfinden Sie bewusst Figuren und Ereignisse?
Ein autobiografisch angeregter Roman erlaubt eine andere Gestaltung als eine Lebensgeschichte mit dem Anspruch, tatsächliche Erlebnisse wiederzugeben. Mischen Sie beides nicht unbemerkt. Ein kurzer Hinweis zu Beginn kann erklären, dass Sie aus der Erinnerung erzählen, welche Unterlagen Sie verwendet haben und ob Namen geändert wurden.
Woran erkenne ich, was ins Buch gehört?
Stellen Sie sich Ihre späteren Leser mit einer Frage vor. Vielleicht möchte Ihre Enkelin verstehen, warum Sie damals von zu Hause fortgingen. Dann braucht sie die Regeln im Elternhaus, Ihre damaligen Möglichkeiten und den Moment der Entscheidung. Eine vollständige Aufzählung aller Schulfreunde hilft ihr dagegen nur, wenn einer dieser Menschen tatsächlich eine Rolle spielte.
Eine Erinnerung darf aus zwei Gründen bleiben: Sie bringt die Geschichte voran oder sie macht die Welt verständlich, in der Sie lebten. Ein scheinbar kleiner Brauch kann deshalb wichtiger sein als eine lange Liste beruflicher Stationen. Notieren Sie jede Erinnerung auf einer eigenen Karte. Prüfen Sie bei jeder Karte: Was würde dem Leser fehlen, wenn ich sie wegließe? Sie müssen nicht sofort streichen. Ein eigener Ablageordner hält Material fest, das im ersten Buch keinen Platz findet.
Damit bekommt auch die Frage „Ist mein Leben interessant genug?“ eine andere Richtung. Sie müssen kein fremdes Publikum mit möglichst ungewöhnlichen Ereignissen beeindrucken. Sie können Menschen, denen Sie etwas hinterlassen möchten, Zugang zu Erfahrungen geben, die sie ohne Ihre Erzählung nicht kennen würden.
Erinnerungen sammeln, ohne sich zu verzetteln
Nehmen Sie zunächst ein Fotoalbum, einen Brief oder einen Gegenstand zur Hand. Was fällt Ihnen dazu ein, das auf dem Bild oder Papier nicht zu sehen ist? Vielleicht erinnern Sie sich an die Aufregung vor einer Reise oder daran, wer beim Familienfest fehlte. Genau dort beginnt die Geschichte hinter dem Dokument.
Legen Sie für jede Erinnerung eine eigene Karte oder eine kurze Notiz im Computer an. So können Sie die Reihenfolge später verändern, ohne ganze Kapitel neu schreiben zu müssen. Diese fünf Felder genügen:
- Arbeitstitel
- Mein erster Abend in der neuen Wohnung
- Wann und wo?
- Herbst 1974, Essen. Den Monat noch im Mietvertrag nachsehen.
- Was geschah?
- Die Möbel waren noch unterwegs. Ich aß auf dem Fußboden und rief danach meine Schwester an.
- Was bedeutete es mir?
- Ich war stolz auf die eigene Wohnung und fühlte mich zugleich allein.
- Was hilft beim Erinnern?
- Foto vom Umzug, Mietvertrag, Erinnerung meiner Schwester an das Telefonat.
Ausgefülltes, fiktives Beispiel. Übertragen Sie die fünf Felder auf Ihre eigene Erinnerung.
Trennen Sie dabei, was Sie sicher wissen, was Sie erinnern und was Sie noch prüfen möchten. Schreiben Sie beispielsweise „Nach meiner Erinnerung war es im Herbst“, wenn Sie das Datum nicht belegen können. Unterschiedliche Erinnerungen von Geschwistern müssen nicht gewaltsam zu einer einzigen Fassung zusammengeführt werden.
Für den Anfang reichen wenige Karten. Sortieren Sie diese grob nach Lebensphasen. Eine zusätzliche Liste „Später nachsehen“ verhindert, dass Sie wegen jeder offenen Jahreszahl das Schreiben unterbrechen.
Eine Ablage, in der Sie später etwas wiederfinden
Geben Sie Texten, Bildern und Unterlagen zusammengehörige Namen, etwa „1974_Wohnung_Essen“. Bewahren Sie das unveränderte Foto getrennt von einer bearbeiteten Kopie auf. Eine kleine Übersicht genügt: Was ist vorhanden, zu welcher Erinnerung gehört es, wer könnte noch etwas dazu wissen? So suchen Sie beim Schreiben nicht jedes Mal wieder das ganze Album durch.
Bewahren Sie auch unfertige Texte auf. Eine Datei mit Datum im Namen und eine zusätzliche Sicherung an einem anderen Ort helfen, ältere Fassungen wiederzufinden. Wichtig ist, dass Sie eine Fassung ausdrücklich als Arbeitsstand führen. Mehrere gleichzeitig bearbeitete Dateien mit Namen wie „wirklich_final“ erschweren spätere Korrekturen.
Welche Fragen bringen meine Erinnerungen in Gang?
„Erzähl doch einmal von früher“ ist eine große Aufforderung. Eine überschaubare Frage führt häufig näher an eine konkrete Situation. Wählen Sie aus den folgenden Anregungen eine aus. Schreiben Sie erst einige Stichwörter und folgen Sie dann dem Detail, das vor Ihrem inneren Auge auftaucht.
- Wie sah ein gewöhnlicher Morgen in Ihrer Kindheit aus?
- Wer war zuerst wach? Was stand auf dem Tisch? Welchen Weg gingen Sie zur Schule? Solche Einzelheiten machen den Alltag einer anderen Zeit greifbar.
- Wann mussten Sie zum ersten Mal allein entscheiden?
- Welche Möglichkeiten hatten Sie tatsächlich? Wem haben Sie davon erzählt? Was befürchteten Sie damals, und was geschah später?
- Welcher Mensch hat Ihre Richtung verändert?
- Erinnern Sie sich an eine bestimmte Begegnung. Was tat oder sagte dieser Mensch? Woran wurde die Veränderung in Ihrem Alltag sichtbar?
- Welcher Ort fehlt Ihnen heute?
- Gehen Sie ihn in Gedanken ab: Eingang, Zimmer, Fenster, Weg nach draußen. Welche Begegnung gehört für Sie untrennbar zu diesem Ort?
- Was sollen Ihre Kinder oder Enkel über eine Entscheidung verstehen?
- Beschreiben Sie die damaligen Umstände. Was wussten Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht? Die spätere Sicht darf ergänzen, aber nicht überdecken, wie Sie die Situation damals erlebten.
Wenn eine Erinnerung stockt, wechseln Sie den Zugang: vom Datum zum Ort, vom Ort zu einem Gegenstand, vom Gegenstand zu einer Person. Sie können Ihre Antwort auch zunächst als Sprachnotiz festhalten und anschließend abschreiben. Ordnen Sie erst danach. So müssen Sie nicht gleichzeitig erinnern, formulieren und einen fertigen Text beurteilen.
Mit Angehörigen sprechen und Quellen prüfen
Fragen Sie Geschwister oder alte Weggefährten nach einzelnen Begebenheiten. Sagen Sie vorher, wofür Sie die Erzählungen verwenden möchten. Fragen Sie vor einer Aufnahme um Erlaubnis. Notieren Sie zu jeder Auskunft Name, Datum und Anlass des Gesprächs; zu einem Foto außerdem die bekannten Personen, den Ort und das ungefähre Jahr.
Bewahren Sie eine Kopie des Dokuments zusammen mit Ihrer Notiz auf. Ein alter Mietvertrag kann ein Einzugsdatum belegen. Er sagt noch nichts darüber, wie Sie sich beim Einzug fühlten. Umgekehrt belegt Ihre lebhafte Erinnerung nicht automatisch die genaue Jahreszahl. Diese Unterscheidung bewahrt Ihren persönlichen Blick, ohne Lücken mit vermeintlich sicheren Fakten zu füllen.
Widersprechen sich zwei Erinnerungen, können Sie das im Text kenntlich machen: „Meine Schwester erinnert sich an einen Sonntag; mir ist vor allem der Regen geblieben.“ Nicht jeder Unterschied muss aufgelöst werden. Für eine zentrale Behauptung lohnt sich hingegen die Suche nach weiteren Unterlagen.
Welche Werte werden in Ihren Erinnerungen sichtbar?
Vielleicht schreiben Sie, dass Ihnen Verlässlichkeit wichtig ist. Für Ihre Leser wird dieser Wert greifbarer, wenn Sie eine Situation erzählen, in der Sie zu jemandem hielten, obwohl es schwierig wurde. Fragen Sie bei einer Erinnerung deshalb auch: Wofür habe ich mich eingesetzt? Was wollte ich bewahren? Was war mir wichtiger als die bequemere Lösung?
Im fiktiven Wohnungsbeispiel zeigt sich der Wunsch nach Unabhängigkeit nicht allein durch den Umzug. Er wird verständlich, wenn die Erzählerin beschreibt, was sie dafür in Kauf nahm und weshalb sie dennoch blieb. Solche Zusammenhänge lassen eine Persönlichkeit sichtbar werden. Sie müssen Ihrem Leben dafür keine nachträgliche, lückenlose Logik geben; auch ein Wert kann sich mit den Erfahrungen verändern.
Welche Gliederung passt zu meiner Lebensgeschichte?
Eine Zeitleiste ordnet Ereignisse. Ein Buch braucht darüber hinaus einen Zusammenhang, dem Leser folgen können. Probieren Sie mit Ihren Erinnerungskarten eine der folgenden Formen aus. Sie müssen sich nicht endgültig festlegen. Auch eine Seitenzahl brauchen Sie noch nicht vorzugeben. Schreiben Sie zunächst einige zusammengehörige Kapitel. Der benötigte Raum ergibt sich aus Ihrer Geschichte; die spätere Seitenzahl außerdem aus Schrift, Buchformat und Bildern.
Chronologisch: wenn Sie einen Lebensweg zeigen möchten
Die Kapitel folgen der Zeit. Das hilft, wenn sich Entscheidungen erst aus den vorherigen Erfahrungen verstehen lassen.
Beispielgliederung: Das Zuhause meiner Kindheit → Lehrjahre → Die erste eigene Wohnung → Eine Familie gründen → Was sich im Ruhestand verändert.
Achten Sie darauf, nicht jedem Lebensjahr gleich viel Platz zu geben. Ein wichtiger Sommer darf ein ganzes Kapitel bekommen; mehrere ruhige Jahre lassen sich in wenigen Sätzen überbrücken.
Thematisch: wenn sich bestimmte Fragen durch Ihr Leben ziehen
Sie bündeln Erinnerungen etwa nach Zugehörigkeit, Arbeit oder Freundschaft. Diese Form eignet sich, wenn Sie Erfahrungen aus verschiedenen Jahrzehnten miteinander verbinden möchten.
Beispielgliederung: Wo ich zu Hause war → Menschen, die mir vertrauten → Wofür ich Verantwortung übernahm → Was ich weitergeben möchte.
Nennen Sie innerhalb der Kapitel Zeit und Ort, wenn Sie die Lebensphase wechseln. Was Ihnen selbstverständlich ist, kennen Ihre Leser noch nicht.
Ein Lebensabschnitt: wenn eine Veränderung im Mittelpunkt steht
Ein Umzug, eine berufliche Neuorientierung oder die Gründung eines Unternehmens kann ein eigenes Buch tragen. Frühere Jahre erscheinen dort, wo sie zum Verständnis beitragen.
Beispielgliederung: Vor der Entscheidung → Der Abschied → Die ersten schwierigen Wochen → Eine unerwartete Begegnung → Was geblieben ist.
Wie aus drei Erinnerungen ein Kapitel wird
Führen wir das erfundene Wohnungsbeispiel weiter. Auf dem Tisch liegen drei Karten: der erste Abend allein, eine Einladung der Nachbarin und der erste Besuch der Familie. Alle drei gehören zum Thema „Ein eigenes Zuhause finden“.
- Allein ankommen: Die leere Wohnung zeigt den Wunsch nach Unabhängigkeit und die ungewohnte Einsamkeit.
- Eine Verbindung finden: Die Einladung der Nachbarin verändert den Blick auf das fremde Haus.
- Selbst Gastgeberin sein: Beim Familienbesuch wird sichtbar, dass die Wohnung inzwischen ein Zuhause geworden ist.
Die Reihenfolge folgt einer Veränderung: allein sein, jemanden kennenlernen, selbst einladen. Eine Erinnerung an einen Urlaub aus derselben Zeit würde ich für dieses Beispiel zunächst auf eine andere Karte legen. Sie gehört nur dann in dieses Kapitel, wenn sie etwas zu dieser Veränderung beiträgt.
Als Arbeitstitel passt „Als die Wohnung mein Zuhause wurde“ besser als die bloße Jahreszahl. Ein Kapitel muss also nicht alle Ereignisse eines Jahres aufnehmen. Es beantwortet eine zusammenhängende Frage.
Probieren Sie es aus: Legen Sie fünf Erinnerungskarten in eine Reihenfolge. Schreiben Sie zwischen je zwei Karten einen Satz: Warum folgt diese Erinnerung auf die vorherige? Fehlt Ihnen eine Verbindung, brauchen Sie vielleicht einen Übergang – oder eine andere Reihenfolge.
Aus einer Notiz wird die erste Buchseite
„1974 bin ich umgezogen“ hält einen Fakt fest. Eine Szene zeigt, wie Sie diesen Moment erlebt haben. Beschreiben Sie dafür eine überschaubare Situation: Wer war da? Was tat jemand? Welches Detail ist Ihnen geblieben? Erzählen Sie anschließend, welche Bedeutung das Geschehen für Sie hatte.
Fiktives Schreibbeispiel
„Die Möbel sollten erst am nächsten Morgen kommen. Ich setzte mich mit meinem Teller auf den Fußboden. Zum ersten Mal hatte ich eine Wohnung, in der niemand auf mich wartete. Nach dem Essen ging ich zur Telefonzelle an der Ecke und rief meine Schwester an.“
Die Szene bleibt bei einem Abend. Teller, Fußboden und Telefonzelle machen die Situation anschaulich. Der Satz über das Warten verbindet die äußere Veränderung mit dem inneren Erleben. Sie müssen dafür weder besonders feierlich schreiben noch jedes Detail des Zimmers beschreiben.
Übertragen Sie das Prinzip auf eine eigene Karte: Schreiben Sie zunächst die Handlung, ergänzen Sie ein tatsächlich erinnertes Detail und dann Ihre damalige Empfindung. Wenn Sie einen Wortlaut nicht mehr wissen, geben Sie den Sinn des Gesprächs wieder, statt einen genauen Dialog als sicher zu behaupten.
Auch der Schluss einer Szene braucht keine große Lebensweisheit. Fragen Sie: Was ist am Ende anders als am Anfang? Im erfundenen Wohnungskapitel könnte der erste eigene Familientisch diesen Unterschied zeigen. Eine Erinnerung darf aber auch offen enden, wenn sich eine Frage damals nicht gelöst hat. Schreiben Sie keine Versöhnung oder Erkenntnis hinzu, nur weil ein runder Abschluss erwartet wird.
Lesen Sie den Absatz laut. Würden Sie diese Wörter auch verwenden, wenn Sie einem vertrauten Menschen davon erzählten? Streichen Sie Formulierungen, die fremd klingen. Eine persönliche Lebensgeschichte darf schlicht geschrieben sein.
Wie viel Erklärung braucht die Szene?
Die kurze Wohnungsszene lässt noch Fragen offen. Weshalb zog die Erzählerin nach Essen? War die Wohnung weit vom Elternhaus entfernt? Ihre Enkel könnten das wissen wollen. Diese Informationen müssen nicht alle in den ersten Absatz. Nach der Szene kann ein kurzer Rückblick erklären, was zu diesem Abend führte.
Eine mögliche Fortsetzung des fiktiven Beispiels:
„Bis dahin hatte ich bei meinen Eltern gewohnt. Die neue Stelle in Essen war meine erste Gelegenheit, auf eigenen Füßen zu stehen. Wochenlang hatte ich nur daran gedacht, endlich selbst entscheiden zu können. Wie still ein Abend ohne die anderen sein würde, hatte ich mir nicht vorgestellt.“
Die Fortsetzung verbindet die konkrete Situation mit ihrer Vorgeschichte. Sie wiederholt nicht, dass die Möbel fehlten, sondern ergänzt die Bedeutung des Umzugs. So wechseln sich Szene und Erklärung ab. Würden Sie ausschließlich Szenen aneinanderreihen, fehlte womöglich der Zusammenhang. Würden Sie nur erklären, wie alles zusammenhing, blieben Menschen und Orte fern.
Die eigene Stimme bewahren
Vergleichen Sie zwei Formulierungen: „Mit unerschütterlichem Mut beschritt ich den Pfad der Selbstständigkeit“ und „Ich wollte selbst entscheiden. Dass ich dabei auch allein sein würde, merkte ich erst später.“ Beide beziehen sich auf dieselbe Veränderung. Die zweite benennt sie genauer und lässt einen widersprüchlichen Gedanken zu. Das macht sie für dieses Beispiel passender; Ihre eigene Sprache kann anders klingen.
Sie brauchen beim Schreiben keine fremde literarische Stimme anzunehmen. Eigenheiten Ihrer Ausdrucksweise dürfen bleiben, wenn Leser sie verstehen. Ein Wort aus Ihrer Heimat kann sogar etwas erzählen, das eine glatte Umschreibung verliert. Erklären Sie es beim ersten Auftauchen nebenbei, statt eine ganze Seite mit Erläuterungen zu unterbrechen.
Was einen lesbaren Text ausmacht
Schreiben und Überarbeiten sind verschiedene Aufgaben. Lassen Sie einen ersten Entwurf liegen und lesen Sie ihn später mit etwas Abstand. Prüfen Sie zunächst den Zusammenhang und erst danach einzelne Wörter.
- Orientierung: Ist erkennbar, wann und wo die Szene spielt? Wird eine neue Person kurz eingeführt?
- Auswahl: Trägt die Erinnerung zur Frage Ihres Buches bei, oder steht sie nur da, weil sie ebenfalls geschehen ist?
- Verständlichkeit: Können Ihre Kinder oder Enkel eine Abkürzung, einen alten Beruf oder einen örtlichen Ausdruck verstehen?
- Ihre Perspektive: Beschreiben Sie, wie Sie etwas erlebt haben, oder schreiben Sie anderen Menschen ungeprüft Gedanken zu?
- Übergänge: Merken Leser, wenn Sie von einer Szene in eine andere Zeit wechseln?
Bitten Sie eine vertraute Person, ein Kapitel zu lesen. Fragen Sie konkret: „Wo war etwas unklar? An welcher Stelle wolltest du mehr wissen?“ Solche Antworten helfen beim Überarbeiten mehr als ein allgemeines „Hat es dir gefallen?“
Lesen Sie außerdem ein Kapitel aus einer Biografie, die Sie selbst gern lesen. Beobachten Sie, wie Menschen eingeführt werden und wo Jahre zusammengefasst werden. Probieren Sie anschließend an Ihrem eigenen Text aus, wo ein solcher Übergang fehlt.
In meinen Büchern und Leseproben können Sie verschiedene biografische Buchprojekte kennenlernen. Wählen Sie beim Lesen eine Frage aus: Wie erfahre ich etwas über eine Person? Was wird als Szene erzählt, was zusammengefasst? Eine solche Beobachtung lässt sich leichter auf das eigene Schreiben übertragen als der Vorsatz, einfach „schöner“ zu formulieren.
Was tun, wenn ich nicht weiterschreibe?
Prüfen Sie zuerst, woran es hängt. Fehlt eine Erinnerung, nehmen Sie eine andere Karte. Fehlt der Zusammenhang, schreiben Sie einen Übergang vorläufig in eckige Klammern: „Hier erklären, warum wir wegzogen.“ Sind Sie mit jedem Satz unzufrieden, schreiben Sie zehn Minuten weiter, ohne zurückzuspringen. Jede dieser Schwierigkeiten braucht eine andere Antwort.
Planen Sie eine kleine, wiederkehrende Schreibzeit, die in Ihren Alltag passt. Beenden Sie eine Sitzung mit einer konkreten Notiz für das nächste Mal, beispielsweise „Beschreiben, wie Vater auf die Nachricht reagierte“. Das nimmt Ihnen beim Wiederanfangen eine Entscheidung ab. Ein bewegendes Thema dürfen Sie unterbrechen; Sie müssen sich nicht durch jede Erinnerung hindurcharbeiten.
Ein Kapitel prüfen, bevor Sie das ganze Buch umarbeiten
Nehmen Sie zuerst nur ein Kapitel. Markieren Sie Stellen, an denen eine Person auftaucht, ein Zeitsprung stattfindet oder eine Entscheidung fällt. Kann jemand ohne Ihr Vorwissen folgen? Schreiben Sie fehlende Erklärungen an den Rand. Erst danach kümmern Sie sich um Wiederholungen und einzelne Sätze. So überarbeiten Sie nicht sorgfältig einen Absatz, den Sie anschließend ganz entfernen.
Beim fiktiven Wohnungskapitel wäre eine sinnvolle Rückmeldung: „Ich verstehe den Wunsch nach Freiheit, aber noch nicht, weshalb gerade Essen infrage kam.“ Eine zusätzliche Information über die neue Stelle löst diese Frage. „Der Text könnte schöner sein“ dagegen gibt Ihnen keine konkrete Richtung. Bitten Sie deshalb um Beispiele für Unklarheiten und lassen Sie sich zeigen, an welcher Stelle der Leser ausgestiegen ist.
Selbst schreiben oder die Geschichte erzählen lassen?
Wenn Sie Freude daran haben, Worte zu suchen und Absätze zu verändern, beginnen Sie selbst. Sie müssen zu diesem Zeitpunkt weder den endgültigen Umfang kennen noch entscheiden, ob Ihr Buch öffentlich erhältlich sein soll.
Vielleicht sprechen Sie aber leichter über Ihr Leben, als Sie darüber schreiben. Oder Sie haben viele Aufzeichnungen, finden jedoch keinen Zusammenhang. Dann kann ein Gegenüber helfen, das zuhört, nachfragt und die Geschichte sprachlich gestaltet.
Wenn Sie Unterstützung suchen, klären Sie vorab, welche Arbeit Sie abgeben möchten: das Ordnen der Erinnerungen, das Schreiben oder das Überarbeiten eines vorhandenen Manuskripts. Lesen Sie Arbeitsproben und besprechen Sie, wie Ihre Rückmeldungen berücksichtigt werden. Bei einem Buch für den Familienkreis ist kein Publikumsverlag erforderlich; Korrektur, Gestaltung und Druck müssen dennoch geplant werden.
Wenn Sie vor allem erzählen möchten, finden Sie im Beitrag Biografie schreiben lassen den Ablauf von den persönlichen Gesprächen bis zu Ihrer Freigabe. Welche Aufgaben zu einem vollständigen Auftrag gehören und wie Sie Angebote vergleichen, erläutere ich unter Ein Buch schreiben lassen.
In meiner Arbeit als Biografin geht es darum, einen Menschen zu porträtieren: Was prägt ihn, worin zeigt sich seine Eigenart, welche Erfahrungen und Werte tragen sein Leben? Aus der persönlichen Begegnung entwickle ich eine sprachliche Form, die diese Persönlichkeit würdigt. Wenn Sie selbst schreiben, kann Ihnen dieselbe Frage bei der Auswahl helfen: Wird in diesem Kapitel sichtbar, was diese Erfahrung für mich bedeutet hat?
Vom Manuskript zum Buch: Was kommt nach dem Schreiben?
Wenn die Kapitel stehen, entscheiden Sie, in welcher Form Sie Ihr Buch weitergeben möchten. Für wenige Menschen aus der Familie kann eine privat gedruckte Ausgabe passen. Soll das Buch im Handel erhältlich sein, kommen weitere Aufgaben rund um Veröffentlichung und Vertrieb hinzu. Treffen Sie diese Entscheidung vor der endgültigen Gestaltung.
Für die Vorbereitung einer Druckfassung hilft folgende Reihenfolge:
- Inhalt abschließen: Kapitelreihenfolge, Namen und Daten prüfen; offene Stellen in einer Liste abarbeiten. Eine vertraute Person liest mit und markiert Unklarheiten.
- Text korrigieren: Rechtschreibung und Zeichensetzung erst sorgfältig prüfen, wenn keine größeren Umstellungen mehr anstehen. Ein Lektorat und ein Korrektorat sind unterschiedliche Aufgaben; vereinbaren Sie, welche Hilfe Sie benötigen.
- Format und Bilder festlegen: Eine Musterseite mit Fließtext, Überschrift und gegebenenfalls Foto anlegen. Drucken Sie diese in der vorgesehenen Größe aus. Ist die Schrift bequem lesbar? Sind die Bildunterschriften verständlich?
- Druckangebot vergleichen: Seitenzahl, Format, Bindung, Farbseiten und Exemplare bei jeder Anfrage gleich angeben. Nur so vergleichen Sie ähnliche Leistungen. Fragen Sie auch nach Versand und einem Probeexemplar.
- Ein Exemplar prüfen: Vor einer größeren Bestellung Seitenfolge, Ränder, Bilder und Umschlag am gedruckten Buch kontrollieren. Korrekturen anschließend auch in der gespeicherten Ausgangsdatei nachführen.
Ein pauschaler Gesamtpreis wäre ohne diese Angaben wenig hilfreich. Halten Sie getrennt fest, was Sie selbst erledigen und wofür Sie Angebote brauchen: Textarbeit, Gestaltung, Druck und gegebenenfalls Veröffentlichung. So bleibt sichtbar, welche Entscheidung Aufwand oder Kosten verändert.
Fotos, Namen und persönliche Grenzen
Eine private Erinnerung wird durch ihre Veröffentlichung auch für andere Menschen sichtbar. Gehen Sie deshalb zum Schluss noch einmal durch das Manuskript: Wer wird erkennbar? Welche Aussagen betreffen das Privatleben anderer? Welche Briefe oder Fotos möchten Sie abdrucken? Markieren Sie die Stellen, bei denen Rechte oder eine Zustimmung zu klären sind.
Dass ein Foto in Ihrem Album liegt, beantwortet diese Fragen noch nicht. Rechte am Foto und Rechte der abgebildeten Personen sind getrennt zu prüfen. Gesetzliche Grundlagen finden Sie in § 15 Urheberrechtsgesetz und § 22 Kunsturhebergesetz; für Bildnisse bestehen auch gesetzliche Ausnahmen. Lassen Sie unklare oder sensible Einzelfälle vor einer Veröffentlichung fachkundig prüfen.
Sie dürfen außerdem entscheiden, dass eine Erinnerung nur für Sie selbst bestimmt ist. Sammeln Sie solche Texte in einer getrennten Datei. Ein Buch gewinnt nicht dadurch, dass alles darin steht. Es gewinnt, wenn Sie bewusst auswählen, was Sie wem erzählen möchten.
Wie aus dem Vorhaben Ihr eigenes Buch wird
Am Anfang stand vielleicht die Sorge, ein ganzes Leben auf einmal festhalten zu müssen. Nach den Entscheidungen zu Lesern, Erinnerungen und Form ist daraus eine überschaubare Aufgabe geworden: ein Kapitel, das etwas Bestimmtes erzählt. Sie brauchen noch keinen fertigen Titel und keinen Drucktermin, um daran zu arbeiten.
Reservieren Sie eine Stunde, in der Sie möglichst ungestört sind. Der folgende Zeitplan ist ein Vorschlag für den Einstieg, kein Maßstab für Ihre Schreibgeschwindigkeit.
- 10 Minuten: Wählen Sie eine Erinnerung und füllen Sie die fünf Felder der Erinnerungskarte aus.
- 25 Minuten: Erzählen Sie die Situation zusammenhängend. Lassen Sie offene Namen oder Daten zunächst als Markierung im Text stehen.
- 15 Minuten: Lesen Sie laut. Ergänzen Sie, was zum Verständnis fehlt, und streichen Sie eine Wiederholung.
- 10 Minuten: Speichern Sie den Text mit einem eindeutigen Namen und einer Sicherungskopie. Notieren Sie, welche Erinnerung Sie beim nächsten Mal aufgreifen möchten.
Danach haben Sie noch kein fertiges Buch. Sie haben etwas Konkreteres als eine Absicht: eine erste Szene, an der Sie weiterarbeiten können.
Prüfen Sie nach einigen solchen Schreibzeiten, ob Ihre ursprüngliche Buchidee noch passt. Vielleicht zeigt sich ein anderes Thema. Vielleicht ist ein einzelner Lebensabschnitt ergiebiger, als Sie dachten. Das ist eine Erkenntnis aus dem Schreiben. Passen Sie Ihre Gliederung daran an, statt die Erinnerungen in einen zu früh festgelegten Plan zu zwingen.
Legen Sie anschließend ein kleines nächstes Ziel fest: drei zusammengehörige Szenen fertigstellen und einer vertrauten Person zu lesen geben. An deren Fragen erkennen Sie, was Ihre Erzählung schon vermittelt und welche Verbindung noch fehlt. Erst danach planen Sie den folgenden Abschnitt. So wächst das Buch aus überprüfbaren Schritten.
Am Ende sollen Ihre Leser nicht nur wissen, was in Ihrem Leben geschah. Sie sollen etwas davon verstehen, wie es für Sie war. Welche Entscheidungen schwerfielen, wer Ihnen half und was Sie heute anders sehen. Dafür lohnt es sich, die eigene Geschichte aufzuschreiben – in Worten, in denen Sie sich wiedererkennen.
Lassen Sie uns über Ihre Geschichte sprechen
Sie möchten Ihre Lebensgeschichte als Buch bewahren? Erzählen Sie mir von Ihrem Vorhaben. Ich erstelle Ihnen ein unverbindliches Angebot für Ihr biografisches Buch.
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